20
2009
Buchvorstellung: John Steinbeck – Tortilla Flat
Eins vorweg: Ich habe bislang noch keine einzige Rezension über diesen Roman gelesen, die mir gefallen hat. Steinbecks Bestseller ist anders. Oberflächlich betrachtet steht Tortilla Flat für eine fast 200-seitige Plattitüde. Der durchweg humoristische und ironische Schreibstil vernebelt den Blick auf Tiefgang und Ernsthaftigkeit des Romans. Einfache Menschen, einfache Bedürfnisse, einfache Handlungen. Aber kein einfacher Roman. Steinbecks Helden sind Tagelöhner, Herumtreiber und scheinbar gewissenlose Halunken. Steinbeck erzählt 17 Episoden aus dem Leben von Danny. Der hat seinen Kriegsdienst als Eselschinder in Texas abgeleistet und kehrt nach dem ersten Weltkrieg in sein Dorf an der kalifornischen Küste zurück. Dort erwartet ihn unverhoffter Reichtum. Danny hat zwei Häuser in Tortilla Flat geerbt. Der Rückkehrer bleibt nicht lange allein.
19
2009
Buchvorstellung: Julien Green – Leviathan
Frankreich im frühen 20. Jahrhundert. Der Hauslehrer Paul Guéret verlässt mit seiner Frau Paris und zieht in die ländliche Idylle. Dort verliebt er sich in die 18-jährige Angele. Die Situation eskaliert. Kein ungewöhnlicher Plot, doch Julien Green macht aus dieser kitschigen Ausgangslage ein fesselndes Psychogramm einfacher Menschen. Sein Roman erzählt vom menschlichen Scheitern und tiefer Unzufriedenheit. Jede Hauptfigur steht ratlos vor unerfüllten Lebensträumen. Green ist ein meisterhafter Erzähler. Mit Tiefgang und Genauigkeit analysiert er die Schlüsselszenen im Leben seiner Figuren. Sekunden können ganze Seiten füllen.
11
2009
Buchvorstellung: Philip Roth – Mein Leben als Mann
Philip Roth rechnet ab. Die gescheiterte Ehe mit Margaret Martinson diente zur Vorlage für den erstmals 1974 erschienenen Roman, der seinen Lesern auf 416 Seiten viel Durchhaltevermögen abringt. Protagonist ist der jüdische Schriftsteller Peter Tarnopol. Durch einen Betrug genötigt, schlittert Tarnopol in eine zum Scheitern verurteile Ehe. Philip Roth beschreibt die wirren Versuche seines alter ego, sich aus dieser Situation zu befreien. Tarnopol, ein verkappter Moralist, sucht schließlich die Hilfe eines Therapeuten. Tarnopol weiß um seine Schwächen, kann sich aber nicht freischwimmen. Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Trotz schwerfälliger Passagen ein lesenswerter Roman, der nicht nur als erklärende Einleitung zu Roths Zuckerman-Trilogie dient, sondern – bei allem Wahnsinn – auch unterhaltsame und tiefgründige Abschnitte liefert.
31
2009
Buchvorstellung: “Gegen den Tag” – Thomas Pynchon
“Und weiter schleppen die Tage ihre traurige Gestalt den Pfad der Zeit entlang …” Thomas Pynchon ist ein Freak. Der 71-jährige US-Amerikaner hat mit “Gegen den Tag” ein epochales und wahnwitziges Werk abgeliefert, das nach 1596 Seiten ein ungläubiges und unbestimmtes Staunen hinterlässt. Beginnend mit der Weltausstellung in Chicago skizziert Pynchon über zwei Generationen hinweg Geschichten zwischen Realität und Traumwelt, zwischen Spaß und Ernst, zwischen Leben und Tod. Sie ziehen sich über vier Kontinente und enden wenige Jahre nach dem ersten Weltkrieg mit einer apokalyptischen Prophezeiung: “Bald werden sie bemerken, dass die Messgeräte einen Druckabfall anzeigen, Sie werden spüren, wie der Wind sich dreht. Sie werden die geschwärzten Brillen aufsetzen, um die Herrlichkeit sehen zu können, die den Himmel zerreißen wird. Sie fliegen der Gnade entgegen.”
