Mai
31
2009

1 Jahr unterwegs

Mai 2008: Nach nicht einmal 1500 Metern stand ich da, hechelnd und gekrümmt, beide Hände in die Seiten gestemmt. Ein peinlicher Moment auf einem verstaubten Feldweg. Eine schlabbrige Sportbuchse, ausgetretene Turnschuhe und ein verwaschenes FC Arsenal-Shirt machten die armselige Erscheinung komplett, die auch flanierenden Opas und Müttern mit Kinderwagen nicht verborgen blieb. Im Moment meiner Niederlage scheute ich den Blickkontakt. Mag sein, dass sich in den Gesichtern der Spaziergänger Mitleid und Schadenfreude breit machten. Heute ist mir dieser Moment egal. Ein ganzes Jahr mit wertvollen Erfahrungen, mit Fortschritten und Rückschritten, Siegen und Niederlagen liegt hinter mir.

Warum eigentlich laufen?
Wenn ich darüber nachdenke, was mich vor einem Jahr dazu gebracht hat, mit dem Laufen zu beginnen, dann muss ich unweigerlich schmunzeln. Abnehmen wollte ich, fitter und ausgeglichener werden. Das Laufen sollte als Ausgleich zum Stress im Beruf dienen. Ganz selten sind Erwartungshaltungen so vollkommen erfüllt worden. Und deshalb kann ich heute nur lachen, wenn mir Menschen vorwerfen, ich würde einen Großteil meiner Freizeit mit stupiden Bewegungsabläufen verplämpern.

Der Anfang
Das tolle Wetter war schuld. Als ich aufwachte und die Sonnenstrahlen durch die Markiese ins Schalfzimmer fielen, war klar: heute raffst du dich endlich auf. In einer Tasche mit Relikten aus meiner Fußballzeit wähnte ich noch Sportschuhe. Eine kurze Hose und ein passendes T-Shirt ließen sich im Kleiderschrank finden. Die Strecke kannte ich schon von Spaziergängen mit dem Hund. Auf dem MP3-Handy wählte ich mein Lieblingsalbum und startete die Stoppuhr. Fast eine halbe Stunde später und nach drei Gehpausen stand ich wieder vor der Haustür. Reichlich gefrustet.

Höher als die Leistung des ersten Laufs bewerte ich im Nachhinein den Umstand, dass ich in den folgenden Tagen immer wieder zum Laufen ging. Der schwerste Schritt war damit getan. In den kommenden Wochen steigerte ich die Laufdistanzen von 4 auf 6 Kilometer, dann auf 8. Das ganze ein bis zweimal die Woche. Ein befreundeter Redakteur gab mir reichlich Ratschläge, die mir in den kommenden Wochen helfen sollten, eine gewisse Grundausdauer zu entwickeln. Muskelkater und schwere Beine waren in der Anfangszeit ständige Begleiter. Positiver Nebeneffekt: ein tiefer und erholsamer Schlaf.

Der erste Wettkampf
In den ersten Monaten ging es vor allem um die Grundkondition. Fußball bei den Alten Herren meines Clubs, längere Fahrten mit dem Rad und zwei Monate im Fitness-Studio bildeten eine willkommene Abwechslung zum Laufen. Mittlerweile hatte ich mir eine neue Strecke gebastelt. Mit Hilfe von gpsies.com steckte ich einen 10 Kilometer langen Rundkurs ab, den ich auch heute noch zwei- oder dreimal die Woche laufe. Anfangs schlauchte diese Distanz enorm. Dennoch wuchs der Wunsch, diese Distanz bei einem Wettkampf zu laufen. Mein Kollege lud mich zum Ernst Blumensaat-Lauf an den Baldeneysee nach Essen ein. Auch das war eine wichtige Erfahrung. Im Training lag ich über zehn Kilometer immer bei knapp über einer Stunde. Für den Wettkampf im November hatte ich mir 56 Minuten zum Ziel gesetzt. Unter den vielen hundert Teilnehmern kam ich mir ein wenig verloren vor. Immerhin war das Wetter bestens. Im Sog der anderen lief ich das Rennen eigentlich viel zu schnell an. Nach drei Kilometern zeigte die Uhr gerade einmal 15:10 Minuten an. Zu meiner Verwunderung musste ich für das hohe Anfangstempo nicht büßen. Der siebte Kilometer war mit 5:36 Minuten der langsamste. Nach 53:30 Minuten überquerte ich völlig platt die Ziellinie. Bis heute bin ich viermal bei Wettkämpfen gestartet. Dreimal über zehn, einmal über 15 Kilometer. Ich bin mir sicher, dass noch weitere Läufe in diesem Jahr folgen werden.

Laufen und Rauchen
Keine gute Kombination. Ich rauche seit rund 18 Jahren. 30 Zigaretten am Tag. Blöde Sprüche auf den Packungen, abschreckende Bildchen, wie sie Drogenbeautragte Sabine Bätzing fordert, ständig steigende Preise: Das alles konnte mich bislang nicht dazu bringen, den Glimmstängeln abzuschwören. Erst seitdem ich laufe regt sich die innere Stimme. Ich werde aufhören, das steht fest. Ich möchte bessere Zeiten schaffen und weitere Distanzen laufen. Das große Ziel heißt New York 2010. Im November will ich dort zu den Finishern des Marathons gehören.

Laufen und Ernährung
Was meine Ernährung angeht, bin ich leider ziemlich disziplinlos. Grillpartys im Sommer, das Bierchen mit Freunden, Kantinenessen während der Arbeit und eine fast schon manische Einstellung zu Süßigkeiten. Schlimmer geht es eigentlich nicht. Trotz allem hat mir das Laufen geholfen, diese Sünden auszugleichen. Als ich im Mai 2008 mit dem Laufen begann, zeigte die Waage 94 Kilogramm. Fünf Jahre ohne Sport hatten Folgen hinterlassen. Meine Ernährung habe ich noch nicht umgestellt, dennoch verliere ich immer noch steitg an Gewicht. In 12 Monaten sind 8 Kilogramm verschwunden. Einfach so. Bevor ich mit dem Rauchen aufhöre, muss das Gewicht stimmen. Deshalb wird die Umstellung der Ernährung der nächste Punkt auf meiner Liste sein. Knapp unter 80 Kilo, das dürfte gesund und vor allem machbar sein. Vielleicht ja noch in diesem Jahr.

Ausrüstung
Auch beim Laufen können kleine Fehler große Auswirkungen haben. Am Anfang habe ich einfach die Wichtigkeit guter Schuhe unterschätzt. Sieben Monate lang lief ich in Tretern, die vielleicht zum Skaten oder Wandern getaugt hätten, aber ganz sicher nicht zum Laufen (Über die Auswirkungen dieses Irrtums berichte ich im folgenden Absatz). Erst im Dezember habe ich mich in einem Sportgeschäft beraten lassen. Und auch wenn ich damals noch keine Laufbandanalyse gemacht habe, waren die 120 Euro für gute Laufschuhe eine wichtige Investition.

Die wichtigste Investition war jedoch nicht das Schuhwerk. Ohne meine Pulsuhr gehe ich nicht aus dem Haus. Anfangs lief ich mit einer Polar F6. Unauffällig und chic lieferte sie alle relevanten Daten. Freunde erzählen mir, dass sie darauf gut verzichten können. Für mich zählt das nicht. Vor allem, weil mir die sekundengenauen Statistiken zu Herzfrequenz und Kilometerzeiten immer wieder Motivationsschübe liefern. Daten zur Fett- oder Kalorienverbrennung nehme ich nicht allzu ernst, dennoch freue ich mich auch über diese Angaben. Die Polar F6 habe ich nur gut zwei Monate genutzt. Weil ich nicht immer an meine feste Trainingsstrecke gebunden sein wollte, habe ich mir die Garmin Forerunner 305 mit GPS gekauft. Das Ding ist zwar hässlich wie die Nacht (Einen Erfahrungsbericht gibt es hier), vermissen möchte ich das Teil aber nicht.

Zur Auswertung der Trainingsdaten benutze ich als Mac-User die Software RubiTrack (Erfahrungsbericht dazu hier).

Dass Laufen ein günstiger Sport ist, glauben auch nur Leute, die nicht laufen! Neben guten Schuhen und einer Sportuhr reißt vor allem die Bekleidung ein Loch in den Finanzplan. Reichen im Sommer noch Shirt, Short und Laufsocken, muss man sich schon ab Herbst ernsthaft auf die Witterung einstellen. Gegen Regen und Kälte helfen lange Laufhosen und eine Laufjacke. Dass eine Laufjacke schon mal 300 und mehr Euro kosten kann, hätte ich nicht gedacht. Durch den ersten Herbst und Winter kam ich mit Sportbekleidung von Tchibo. Laufhose für einen Zehner, Laufjacke für einen Zwanziger. Eigentlich alles top, nur die Verarbeitung lässt stark zu Wünschen übrig. Klemmende und schnell verschleißende Reißverschlüsse sind die erste Quittung für die Billiglösung. Für Anfänger reicht das aber allemal aus.

Verletzungen
Schlechte Schuhe hätten mir fast das Laufen vergrault. Blutblasen und Druckstellen sind ja anfangs noch zu verschmerzen. Spätestens wenn die Gelenke Probleme machen, sollte man sein Schuhwerk kontrollieren. Viele Laufbeschwerden sind passe, seitdem ich die richtigen Schuhe trage. Trotz ordentlicher Schuhe hatte ich anfangs dennoch einige Male mit Verletzungen zu kämpfen. Zuerst war es eine verhärtete Wade. Sieben Tage Pause. Schlimmer traf mich eine Tricepssehnentendinose im Februar, die meinen Start beim Halbmarathon in Duisburg völlig zunichte machte. Die Sehnen in der Kniekehle waren aufgrund von Fehl- und Überbelastungen angegriffen. Drei Wochen Pause. Meinen ersten langen Lauf über 24 Kilometer bezahlte ich ebenfalls mit einer mehrwöchigen Verletzungspause. Mein Mittelfuß fühlte sich so an, als habe jemand stundenlang mit einem Hammer darauf eingeschlagen. So dumm und ärgerlich Verletzungen auch sind, sie schärfen den Blick auf den eigenen Körper. Mittlerweile weiß ich ganz genau, wieviele Läufe und Kilometer ich mir in der Woche zutrauen kann. Falscher Ehrgeiz bremst nur aus!

Geschrieben von fippes in: Laufen, News |

1 Kommentar »

  • zackwinter sagt:

    Habe mir vom ersten bis zum letzten Wort alles durchgelesen

    Sehr nett und informativ geschrieben!!!

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