Mrz
31
2009

Buchvorstellung: “Gegen den Tag” – Thomas Pynchon

Thomas Pynchon - "Gegen den Tag"“Und weiter schleppen die Tage ihre traurige Gestalt den Pfad der Zeit entlang …” Thomas Pynchon ist ein Freak. Der 71-jährige US-Amerikaner hat mit “Gegen den Tag” ein epochales und wahnwitziges Werk abgeliefert, das nach 1596 Seiten ein ungläubiges und unbestimmtes Staunen hinterlässt. Beginnend mit der Weltausstellung in Chicago skizziert Pynchon über zwei Generationen hinweg Geschichten zwischen Realität und Traumwelt, zwischen Spaß und Ernst, zwischen Leben und Tod. Sie ziehen sich über vier Kontinente und enden wenige Jahre nach dem ersten Weltkrieg mit einer apokalyptischen Prophezeiung: “Bald werden sie bemerken, dass die Messgeräte einen Druckabfall anzeigen, Sie werden spüren, wie der Wind sich dreht. Sie werden die geschwärzten Brillen aufsetzen, um die Herrlichkeit sehen zu können, die den Himmel zerreißen wird. Sie fliegen der Gnade entgegen.”

Sicheren Halt bietet Pynchon seinen Lesern nicht. Die “Abenteuer” einer Luftschiff-Besatzung und die schicksalhaften Ereignisse im Leben einer amerikanischen Anarchisten-Familie bilden den groben Plot. Dazwischen streut Pynchon mehr als 100 Charaktere, deren Geschichten nicht selten in die absolute Leere führen.

Historische Ereignisse wie die Weltausstellung in Chicago, das Tunguska-Ereignis, der Ausbruch des Krakataus und der erste Weltkrieg werden aufgegriffen, ebenso reale Schauplatze wie New York, Paris, London, Venedig und Wien. Menschen der Zeitgeschichte wie Nikola Tesla, John D. Rockefeller und Erzherzog Franz Ferdinand finden ihren Platz. Das Reale bildet bei Pynchon aber nur einen Rahmen. Denn der Amerikaner holt weit aus.

Trotz des endlosen Wirrwarrs ist “Gegen den Tag” ein lohnenswerter Zeitvertreib. Der Roman fordert vom Leser Geduld und Wohlwollen, entschädigt aber immer wieder mit genialen Passagen, viel Witz und fantastischen Momenten.

Thomas Pynchon, 1957. Über den Autor: Thomas Pynchon ist ein schräger Vertreter der literarischen Postmoderne. Der 1937 geborene US-Amerikaner lebt sehr zurückgezogen. Er gibt keine Interviews. Das aktuellste Foto ist bereits mehr als 50 Jahre alt und zeigt ihn als 20-jährigen Marinesoldaten. Seine öffentlichen Auftritte beschränken sich auf drei Folgen in der Trickfilm-Serie “Die Simpsons”. Pynchon hat seine Figur persönlich synchronisiert, ist aber nur als Mann mit einer Papiertüte auf dem Kopf zu sehen.

Gegen den Tag
Rowohlt
Übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren
Hardcover, 1600 Seiten
Erschienen 2.Mai 2008
29,90 €
ISBN 978-3-498-05306-2

Geschrieben von fippes in: Literatur | Tags:, , ,

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